Ausgabe Nr. 146, November 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

der November ist mehr als nur ein Monat, er ist Ort und Zeit des Erinnerns. Mir geht es jedenfalls immer so: Mit der nassen Kälte kommt auch die Schwere dessen, was uns bis heute beschäftigt - die Pogromnacht von 1938 und zu welchen entsetzlichen Verheerungen in der ganzen Welt sie schließlich führte. Die Zeit verwandelt Gegenwart in Vergangenheit und die Erinnerung wird ferne Geschichte. Und zwar in dem Moment, wenn sich niemand mehr erinnern kann. Wird dann, wenn es soweit ist, die Vergangenheit neu verhandelt?

Verschiedene Gruppen beginnen bereits, an den Wahrheiten dieser Geschichte herumzuzerren. Deutschland solle sich doch frei machen von der Bürde des Holocaust und wieder stolz sein auf seine Soldaten. Es solle die Juden nun nicht mehr schonen – als wäre das jemals geschehen – und Israel aus der Staatsräson streichen. Das deutsche Volk solle, auf seinem angestammten Platze, Ehre und Gesinnung gegen die multikulturelle Unart verteidigen. Sonst drohe Überfremdung, der Volkstod und die Umvolkung im Auftrag fremder Mächte, hinter denen immer die Juden stehen. Deshalb müssten die Volksverräter zur Strecke gebracht werden.

Während nach der Wahl zum Bundestag nun alle Welt darüber diskutiert, ob man, wann man und wie man mit der Neuen Rechten reden soll, freut die sich über die kostenlose Werbung, die das für sie bedeutet. Während sie sich die Hände reibt über so wenig Abgrenzung und Vernunft, werden die Veranstaltungen zum 9. November selbst von der extremen Rechten gestört, ist nur noch das höhnische Gelächter zu hören, wenn sie in die fassungslosen Gesichter jener schauen, die am Erinnern festhalten wollen.

Es ist dieses Lachen, das eigentlich alles ausdrückt. Häme und Verrohung, Hass und Selbstüberhöhung aus niedrigsten Instinkten. Verachtung von allem Menschlichen – das bedeutet dieses Gelächter. Heute wie damals. Das Vergnügen daran, jüdische Männer an den Bärten durch die Straßen zu schleifen, jüdische Frauen blutig zu schlagen und alle zu demütigen, die ihnen helfen wollten, kam aus der gleichen Quelle und hatte den gleichen Klang wie jenes höhnische Lachen heute. Nein, wir stehen vor keiner neuen Nazizeit. Und nein, die Neue Rechte ist längst nicht soweit, mit den Tätern von damals verglichen zu werden. Das Lachen ist dennoch dasselbe.

Die Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen diesen November zum Anlass, um über die Zukunft der Erinnerung nachzudenken. Nur wenn die Grausamkeit des Judenmordes erinnert und die Abscheu darüber verinnerlicht wird, kann es uns nicht egal sein, wie der Antisemitismus auch heute funktioniert und wozu er führt. Antisemitismus ist so sehr Teil einer antimodernen Selbstgefälligkeit geworden, dass eigentlich egal ist, wer ihn ausdrückt. Im Grunde kommt dieser Antisemitismus heute wieder auf seinen Ursprung zurück. Er braucht keine Umwege mehr. Er muss sich nicht religiös verkleiden, braucht dafür weder Luther, den Papst noch Suren im Koran. Er braucht nicht Israel zu dämonisieren und muss keine Bekenntnisse darüber ablegen, wie wichtig und toll einst die jetzt toten Juden waren. Der Antisemitismus heute ist wieder unverhüllt, er generiert sich neu als die Mutter aller Verschwörungstheorien über das Böse in der Welt.

Die Amadeu Antonio Stiftung wird deshalb weiter daran arbeiten, dass die Erinnerung bleibt, auch wenn die Menschen dieser Generation verschwinden. Erinnern heißt leben, so sagt man im Judentum. Denn was wären, gerade heute in einem sich verändernden Land, menschliche Wärme, gegenseitiger Schutz und die Achtung voreinander sonst, als gelebte und lebendige Erinnerung? Das Lachen der Täter muss als das verstanden werden, was es sein soll: Eine eiskalte Warnung, die wir ernst nehmen müssen.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

Im Fokus

Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus 2017

 

Jugendliche, die von Mitschülern als „Du Jude“ beschimpft und verprügelt werden. Menschen, die in der U-Bahn zusammen geschlagen werden, weil vermutet wird, sie könnten jüdisch sein. Mit den bundesweiten Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus vereinen die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum bundesweit über 100 Veranstaltungen lokaler Initiativen, die über Antisemitismus aufklären und Gegenstrategien vermitteln. Die deutschlandweit größte Aktion gegen Antisemitismus findet rund um den 9. November 2017 statt.

 

Auf der anderen Seite von Antaios: Fünf Tage auf der Frankfurter Buchmesse

 

Das erste Mal seit zehn Jahren war der neurechte Antaios-Verlag wieder auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Im Vorfeld bot die Messeleitung uns, der Amadeu Antonio Stiftung, einen Stand direkt gegenüber des rechten Verlags an, um den Rassisten nicht unwidersprochen den Raum zu überlassen. Die Strategie der Neuen Rechten und der „Identitären Bewegung“ ist es, sich bei allem als Opfer und gleichzeitig als Gewinner darzustellen, ganz gleich, ob dies der Wirklichkeit entspricht. So auch auf der Frankfurter Buchmesse.

 

Im Schneeballsystem gegen Hass im Netz

 

Die Unsicherheit im Umgang mit Hate Speech ist groß – nicht erst seit der Bundestagswahl und einer wachsenden rechts-alternativen Medienlandschaft. Mit dem Train-the-Trainer-Programm arbeitet die Stiftung mit Multiplikator_innen für eine digitale demokratische Kultur.

 

Geförderte Projekte

Die Notwendigkeit der praktischen Arbeit für eine gelebte Demokratie vor Ort ist wieder deutlich sichtbar geworden. Und die Herausforderungen der Initiativen werden nicht kleiner, im Gegenteil. Jetzt ist der Zeitpunkt, dieses Engagement für die nächsten Jahre auf sichere Füße zu stellen. Mit Ihrer Spende helfen Sie uns, die Menschen dort zu unterstützen, wo sie tagtäglich für Vielfalt und eine offene Gesellschaft streiten. Herzlichen Dank für Ihren finanziellen Beitrag dazu!

Spenden

 

Wa(h)re Angst - das Erfolgsrezept des Rechtspopulismus?

© Janusz Czech

 

Mit ihren Erzählungen versuchen Rechtspopulist_innen und Rechtsextreme die Debatte zu vergiften. Ihr Erfolgsrezept: das Schüren von Ängsten. Was macht uns wirklich Angst? Wie wirken Ängste? Und wie werden sie instrumentalisiert? Eine von der Stfitung geförderte Ausstellung geht diesen Fragen auf den Grund.

 

Bus der Begegnungen rollt durch Sachsen und Thüringen

 

"Mit uns redet ja niemand" - so begründen viele Menschen ihre vermeintliche Protestwahl, mit der sie ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen wollen. Doch welche Enttäuschung ist das eigentlich? Was bewegt die Menschen? Das wollte das Team vom Bus der Begegnungen herausfinden, der mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung durch 14 Städte bundesweit fuhr. Das Motto der Engagierten: Lasst uns gemeinsam herausfinden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen!.

 

Aktuelle Publikation

"Die letzten von gestern, die ersten von morgen"? Völkischer Rechtsextremismus in Niedersachsen

 

»Völkisch«, »Volksverräter!«, »Umvolkung« – in den letzten Jahren drängt das »Volk« wieder stärker in die politische Öffentlichkeit. Völkische Rechtsextreme im ländlichen Raum verfolgen schon deutlich länger die Idee einer ethnisch homogenen Gemeinschaft, die sie in Siedlungsprojekten erproben. Eine Handreichung der Amadeu Antonio Stiftung ordent das Phänomen am Besipiel Niedersachen ein und gibt Handlungsempfehlungen.

 

Termine

5.11.2017 I Theater: Denkfabrik I - Wehret den Anfängen! Mit dem Gastspiel "Das vierte Reich" des DNT Weimar I Chemnitz
Die Ergebnisse der Bundestagswahl insbesondere in Sachsen und das unverminderte Erstarken rechtspopulistischer Tendenzen in der Gesellschaft stellen die Demokratie und das Theater vor grundsätzliche Herausforderungen. Podiumsdiskussion u.a. mit Dr. Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft.
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07.11.2017 I Jüdische Analysen des Antisemitismus - Vortrag von Jobst Paul I Rostock
Ausgerechnet die Sicht der Jüdinnen und Juden auf den Antisemitismus wird in der Forschung oft verdrängt – der Sozialwissenschaftler Jobst Paul spricht im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen in seinem Vortrag deshalb über die jüdischen Analysen des Antisemitismus.
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8.11.2017 I Neuer rechter Populismus oder populär gewordener Rechtsextremismus? I Horb am Neckar
Demokratische Perspektiven auf umkämpfte Begriffe und Phänomene. Ein Vortrag mit anschließendem Gespräch mit Dr. Matthias Quent Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft.
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9.11.2017 I The Female Face of the Far Right – Country perspectives and progressive counter-strategies I Straßburg
Im Rahmen des World Forum for Democracy on “Is Populism a Problem?” sprechen Simone Rafael und Rachel Spicker von der Amadeu Antonio Stiftung zur Rolle von Frauen in rechtspopulistischen Bewegungen.
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9.11.2017 I  Gegen 'hate speech' 1925. Publizistische Abwehr des Antisemitismus in der Weimarer Republik I Dorsten
Antisemitische Hetze und Angriffe in den „Goldenen“ 1920er Jahren allgegenwärtig – wenig bekannt sind indes die Versuche jüdischer Organisationen, zunehmend gezielter, strategischer und wehrhafter dagegen vorzugehen, wie der Sozialwissenschaftler Harald Hordick im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen ausführen wird.
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16.11.2017 I  Podiumsdiskussion: Antisemitismus im Kontext von Rechtspopulismus und Migration I Jena
Die Debatte um Flucht und Migration hat neue ambivalente Dynamiken in der Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus ausgelöst: Während jüngste Zahlen für das Jahr 2017 einen Anstieg von antisemitischen Hassverbrechen belegen und Jüdinnen und Juden ein höheres Bedrohungsgefühl durch Antisemitismus wahrnehmen, verknüpfen sich Erklärungsansätze oft mit den Themen Flucht und Migration.
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18.11.2017 I Vortrag: Vorstellungen der Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus I Baesweiler
Der Historiker Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung analysiert Vorstellungen von der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ als Fluchtpunkte radikal rechten Denkens im gesamten 20. Jahrhundert.
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20.11.2017 I Antisemitismus in der Gegenwartsliteratur I Berlin
Agnes Mueller liest in den Räumen der Amadeu Antonio Stiftung aus ihrem neu erschienenen Buch „Die Unfähigkeit zu lieben: Juden und Antisemitismus in der Gegenwartsliteratur“. In diesem geht sie neusten Entwicklungen zum Diskurs der Erinnerung an die Shoah nach und zeigt, wie sich gesamtgesellschaftliche Diskurse unbewusst fortschreiben.
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22.11.2017 I Gleichstellungspolitiken, gendersensible Sprache und antifeministische Attacken I Cottbus
Zur Wichtigkeit von Sprache im Kontext der Gleichstellungspolitik und rechten Attacken auf diese hält Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung im Studiengang Soziale Arbeit an der Brandenburgisch Technischen Universität in Cottbus einen Vortrag.
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22.11.2017 I Vortrag: Psychoanalyse einer sozialen Pathologie I Berlin
Prof. Rolf Pohl wird in seinem Vortrag in den Räumen der Amadeu Antonio Stiftung der gesellschaftlichen Normalisierung von Antisemitismus nachgehen. Sein Erklärungsansatz begreift Antisemitismus als eine Form kollektiven Wahns, der die Normalität bürokratisch geregelter Vernichtung überhaupt erst möglich gemacht hat.
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23.11. - 24.11.2017 I Konferenz: Wie schaffen wir Gleichwertigkeit: JETZT? Wissenschaft und Praxis im Dialog I Berlin
Im Rahmen der Konferenz sollen die Motivationen und aktuelle Herausforderungen für die Umsetzung von Gleichwertigkeit diskutiert werden (Kooperation zwischen der Freudenberg Stiftung, Amadeu Antonio Stiftung, der Redaktion der Zeitschrift ZDgM, dem Wochenschauverlag)
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28.11.2017 I Verleihung Amadeu Antonio Preis I Eberswalde
Zum zweiten Mal vergeben die Amadeu Antonio Stiftung und die Stadt Eberswalde den Amadeu Antonio Preis, um kreatives künstlerisches Engagement für Menschenrechte und gegen Rassismus & Diskriminierung zu würdigen.
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Impressum

Copyright (c) 2017
Redaktionsschluss: 03. November 2017

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Redaktion: Robert Lüdecke, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Teresa Sündermann, Sophie Schlüter, Alexander Vesmer

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird zur Entwicklung als bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

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